Hans Carossa ist schematisch schwer einzuordnen. Ist er ein Dichter der sogenannten Neuromantik oder zählt er zu den Dichtern des deutschen Symbolismus? Er selbst verehrt Goethe und Hugo von Hofmannsthal. Sicher ist jedenfalls, dass Carossa ein Dichter zweier Zeiten und Welten ist, die vor allem in Europa tiefe Narben geschlagen haben.
Sein Leben beginnt im bayrischen Tölz, wo sein Vater Arzt ist. Später besucht er das Humanistische Gymnasium in Landshut und studiert Medizin in München, Würzburg und Leipzig, wo er 1903 zum Doktor der Medizin promoviert. Ein Jahr später übernimmt er die Praxis seines Vaters in Passau.
1906 schickt er Gedichte an Richard Dehmel und dieser macht ihn mit Hugo von Hofmannsthal bekannt, der Carossa den Weg zum bekannten Insel-Verlag eröffnet, von dem er sein Leben lang betreut wird.
Die Optik eines Arztes ist weder aus seinen Werken, noch aus seinem Handeln wegzudenken. Im 1. Weltkrieg ist er als Bataillonsarzt an der rumänischen Front, muss operieren, amputieren und hält diese Geschehnisse unter dem Titel „Rumänisches Tagebuch“ fest, das später in der NS-Diktatur zum „Tagebuch im Kriege“ umbenannt wird.
Ambivalentes Denken offenbart sich hier deutlich. So schreibt er: „Einmal sieht der Arzt durchs Fernrohr einen Trupp Rumänen und meldet dies nicht, weil diese Soldaten für ihn Menschen und nicht Feinde sind.“
Diese Haltung Carossas zieht sich wie ein roter Faden durch die schwierigen Jahre von Diktatur und 2. Weltkrieg. Einerseits hält er unerschrocken Brandreden gegen das Regime, andererseits hält er gute Kontakte zu NS-Größen, um gefährdete Menschen aus dem Land zu bekommen. Er schreibt gegen die Tyrannei und geht in innere Emigration, wird aber auf Drängen Präsident der nationalsozialistischen „Europäischen Schriftstellervereinigung“, besucht dann aber keine einzige Sitzung.
Er ist Dichter, aber auch Arzt und will bewahren und heilen und nicht zerstören.
In einem Brief knapp vor Kriegsende, beschwört er den Oberbürgermeister von Passau, die Stadt kampflos zu übergeben. Dafür wird er in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Dazu kommt es nicht mehr, denn die Amerikaner sind schneller.
Carossas Popularität nimmt auch nach dem Krieg keinen Schaden. Es regnet viele hohe Auszeichnungen und er wird Ehrenbürger der Stadt Passau.
Laut Todesanzeige ist er 1956 in Rittsteig bei Passau „Sanft entschlafen“.